„Der ist wie ein Baum, am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach hin streckt“ – Pfarrerin Marie Freys Predigt zu Jeremia 17,5-8 beim Waldgottesdienst an Fronleichnam

Predigt zu Jeremia 17,5-8 beim Waldgottesdienst an Fronleichnam

Von Pfarrerin Marie Frey

Gnade sei mit euch und Frieden von dem, der da war, der ist und der da kommt. Amen

Es tut gut im Wald zu sein. Blätterrauschen. Das Licht, das durch die Äste fällt. Da gibt es ganz junge Sprösslinge um uns herum, Bäume, voller Saft und Kraft, mittelalte Bäume in den 50-ern, es gibt alte Bäume, kranke Bäume. Ein jeder Baum hat seine Geschichte. Sie schlagen Wurzeln, wachsen, tragen Früchte.

Unter Bäumen halten wir uns gerne auf. Im Sommer ist es angenehm kühl, bei Regen schützt uns das Blätterdach. Manch einer von Ihnen hat vielleicht auch einen Obstbaum bei sich im Garten, bald schon können wir die ersten Kirschen, Zwetschgen, Birnen und Äpfel ernten. Doch, damit so ein Baum Frucht bringen kann, braucht er starke Wurzeln und eine Wasserquelle, die ihn ernährt. Und für uns Menschen gilt das ebenso. Davon erzählt unser heutiger Predigttext aus dem Jeremiabuch, Kapitel 17:

5 So spricht der HERR: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und hält Fleisch für seinen Arm und weicht mit seinem Herzen vom HERRN.
6 Der ist wie ein Strauch in der Wüste und wird nicht sehen das Gute, das kommt, sondern er wird bleiben in der Dürre der Wüste, im unfruchtbaren Lande, wo niemand wohnt.
7 Gesegnet ist der Mann, der sich auf den HERRN verlässt und dessen Zuversicht der HERR ist.
8 Der ist wie ein Baum, am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach hin streckt. Denn obgleich die Hitze kommt, fürchtet er sich doch nicht, sondern seine Blätter bleiben grün; und er sorgt sich nicht, wenn ein dürres Jahr kommt, sondern bringt ohne Aufhören Früchte.

Zwei Menschen werden hier gegenübergestellt. Der eine verflucht, der andere gesegnet. Der eine führt ein Wüstenleben, der andere ein Leben, das ohne Ende Frucht bringt. Das klingt ganz schön drastisch.

Und doch glaube ich, dass da eine tiefe Weisheit drinsteckt in dieser Gegenüberstellung. Da ist ein Mensch, der sich auf Menschen verlässt statt auf Gott. Was das heißt wird gleich danach erklärt. Er hält Fleisch für seinen Arm. Er zieht seine Kraft für all sein Schaffen, sein Tun aus „Fleisch“. Aus Vergänglichem. Man könnte vielleicht sagen, das ist einer, der sich vor allem auf sich selbst verlässt, auf das, was er sehen kann. Bloß sich keine Luftschlösser erträumen. Lieber ein solides Leben leben.

Was beobachtet Jeremia, Gottes Botschafter, wenn er auf das Leben eines solchen Menschen blickt? Aus Jeremias Perspektive ist dieser Mensch wie ein Strauch in der Wüste. In Dürre und Einsamkeit. Mehr Dornen als Blätter.

Ein Mensch, der sich auf Menschen, auf sich selbst statt auf Gott verlässt, der ist wie ein vertrockneter Strauch in der Wüste. Verloren, mit Wurzeln, die keinen Halt und kein Wasser finden. Mit Wurzeln, die in trockenem Boden nach Leben suchen. Ein Mensch, der vertrocknet ohne Lebenselixier. Ohne Sinn.

Aber stimmt das wirklich? Ist jeder Mensch ohne Glauben ein vertrockneter Strauch? So einfach scheint es mir nicht zu sein. Und gerade, wenn ich in mein Umfeld schaue, kann ich das selbst so nicht bestätigen. Ich habe viele Freundinnen und Freunde, Familienmitglieder, denen nichts fehlt, ohne Gott. Sie führen ein gutes Leben. Verlassen sich auf irdische Güter: Freundschaft, Familie, Hausbau. Das erfüllt sie. Meinem Glauben begegnen sie nicht unbedingt mit Argwohn, vielmehr eher neutral oder mit keinem besonderen Interesse.

Vielleicht hilft uns ein Blick darauf, wer hier spricht. Es ist Gott selbst, der hier redet, im Munde von Jeremia. Er redet hier davon, wie es sein kann, ein Leben mit ihm. Er lenkt unseren Blick auf das, was wir gewinnen, wenn wir es wagen, mit ihm in Beziehung zu treten. Welche Tiefe unser Leben bekommen kann, wenn wir unsere Wurzeln hin zur göttlichen Quelle ausstrecken.

Es ist ein Angebot von Gott selbst. Ein verlockendes noch dazu. Er malt es uns bildreich aus:

Die Wasserquelle Gottes versiegt nicht. Sie bleibt auch bei Dürre bestehen. Sie bleibt, auch wenn es uns mal schwer fällt, sie zu finden. Wenn die Gesundheit da ist, die Arbeit gelingt, die Beziehungen tragen, dann scheint vieles selbstverständlich. Doch wenn eine Krise kommt, wenn ein Mensch, den wir lieben, schwer krank wird, wenn Sorgen uns den Schlaf rauben oder wenn Zukunftsängste uns bedrängen, dann stellt sich die Frage neu: Was trägt mich? Woher bekomme ich neue Energie.

Gottes Quelle tränkt uns, schenkt Kraft zum Leben, wenn wir sie gerade selbst nicht habe und stillt die Sehnsucht. Sie lässt uns aufrecht stehen, hilft uns, uns aufzurichten und Rückgrat zu zeigen. Wie ein Baum, der sich der Sonne entgegenstreckt.

Mit Gottes Kraft können wir heilen, wenn wir Kratzer und Wunden zugefügt bekommen. Oft passiert das nicht mit lautem Getöse, sondern eher leise. Ein Bibelwort, das Kraft gibt. Ein Lied, das Trost schenkt. Ein Gebet, für das eigentlich keine Worte mehr sind. Ein Mensch, durch den Gott uns zeigt: „Du bist nicht allein.“

Denn wenn wir uns hier umschauen, sehen wir nicht einen einzelnen Baum, sondern einen ganzen Wald. Große und kleine Bäume, junge und alte. Jeder steht für sich. Und doch bilden sie gemeinsam etwas Größeres. Erst zusammen entsteht ein Wald. Zusammen können sie Schatten spenden, für ein gutes Klima sorgen. In China und auch an anderen Orten der Welt, werden sogar Bäume gepflanzt, um die Wüste zurückzudrängen. Der Boden wird durch die Bäume wieder fruchtbarer und befeuchtet und ein neuer Lebensraum entsteht.

Wir sind können auch wir immer wieder  zusammenstehen, uns erinnern an unsere göttliche Quelle. Zusammen haben wir vielleicht den Mut anderen Menschen, die auf der Suche sind nach neuen Wurzeln, erzählen, aus welcher Quelle wir Kraft schöpfen. Gottes Kraftquelle sorgt dafür, dass wir Frucht bringen und damit anderen eine Freude machen, Gutes tun.

Vielleicht ist diese Frucht nach einem Streit den ersten Schritt zu machen. Vielleicht Trost, den wir weitergeben können, weil wir selbst getröstet wurden. Vielleicht ist es der Glaube daran, dass Gott diese Welt nicht allein lässt in all ihren Krisen.

Denn wie schön ist es doch, sich nicht selbst mit all dem versorgen zu müssen. Gesegnet ist der Mensch, der sich auf den HERRN verlässt und dessen Zuversicht der HERR ist.

Auch unser Leben wird nicht vor der Dürre bewahrt. Auch der Baum am Wasser kennt heiße Sommer. Auch wir erleben Krankheit, Enttäuschung, Verlust und Zweifel. Der Unterschied liegt darin, dass wir in der Dürre nicht allein bleiben.

Mit Gott an der Seite geht der Blick weg von der Dürre, weg von Krisen und Wüstenzeiten, hin auf Gott selbst.

Wenn wir nachher auseinandergehen, bleiben die Bäume hier stehen. Sie werden weiter ihre Wurzeln ausstrecken. Sie werden Sonne und Regen erleben. Manche Jahre werden leicht sein, andere trocken. Und doch leben sie aus der Quelle, die sie nährt. So auch wir. Aus der Quelle, die nie versiegt. Der Quelle, die trägt. Amen.

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