Vöhringen, 9. Mai 2026
Liebe Mitchristen in der Gemeinde,
„Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken.“ (Jesus Sirach 35,21). Passend dazu schreibt Sophie Scholl (1921–1943) im Februar 1942 in ihr Tagebuch: „Ich habe mir vorgenommen, jeden Tag in der Kirche zu beten, damit Gott mich nicht verlasse. Ich kenne Gott ja noch gar nicht und begehe sicher die größten Fehler in meiner Vorstellung von ihm, aber er wird mir das verzeihen, wenn ich ihn bitte.“ Eine zwanzigjährige Kindergärtnerin aus Ulm ringt darum, überhaupt beten zu können, fühlt sich klein, ohnmächtig und Gott fern – und hält doch am Gebet fest.
Im November 1942 schreibt Sophie Scholl ihrem Verlobten Fritz Hartnagel (1917–2001), der als Offizier in Stalingrad weilt: „Ich bin Gott noch so ferne, dass ich ihn nicht einmal beim Gebet spüre. Ja, manchmal, wenn ich den Namen Gottes ausspreche, will ich in ein Nichts versinken. Doch hilft dagegen nur das Gebet, und wenn in mir noch so viele Teufel rasen, ich will mich an das Seil klammern, das mir Gott in Jesus Christus zugeworfen hat, und wenn ich es nicht mehr in meinen erstarrten Händen fühle.“
Das Gebet wird Sophie Scholl zum Widerstand gegen Verzweiflung und Gleichgültigkeit. Wo ihr der Himmel verschlossen zu sein scheint, klammert sie sich dennoch an das „Seil“, das Gott in Jesus Christus zugeworfen hat. Darin liegt Hoffnung auch für uns: Nicht die Stärke unseres Glaubens trägt uns, sondern das Festhalten, auch mit schwachen Händen. Wer so betet, richtet sich mit seinem Leben auf Gott aus – und wird von ihm nicht übersehen.
So bete ich:Gott, unser Vater, in die Tiefen von Himmel und Erde horchst Du hinein. So erhörst Du das Seufzen deiner Schöpfung. Komm uns mit deinem Geist nahe, schließe unser Herz für Dich auf, damit Gedanken zu Worten werden, die dich suchen und ansprechen. Nimm uns an als deine geliebten Kinder. Durch Jesus Christus. Amen.
Morgen feiern wir um 10.00 Uhr den Gottesdienst in unserer Martin-Luther-Kirche zum Sonntag Rogate. Ich werde über das Vaterunser predigen.
Am Mittwoch, 13. Mai, findet um 19.30 Uhr wieder das Gemeinsame Abendgebet in unserer Kirche statt. Es wird von einer Frauengruppe vorbereitet, die unserer Gemeinde verbunden ist.
Der dreieinige Gott segne und behüte euch. Er führe euch auf lichtem Weg und bleibe euch gnädig zugewandt. Amen.

Euer Jochen Teuffel
Pfarrer

