Enkel ohne Gott. Was tun, wenn der Glaube in der eigenen Familie verloren geht

Beim heutige t-Gespräch „Enkel ohne Gott“ habe ich einen Impulsvortrag. Hier die gekürzte Fassung:

Enkel ohne Gott. Was tun, wenn der Glaube in der eigenen Familie verloren geht

Der Buchtitel trifft einen wunden Punkt: Enkel ohne Gott? (Herder, 2026). Der Autor Wunibald Müller, Theologe und Psychotherapeut, hat ihn bewusst provokant gewählt. In der Tat erleben Großeltern, wie der Glaube, der ihr Leben getragen hat, in der eigenen Familie verblasst oder ganz verschwindet. Was bleibt, ist eine Mischung aus Schmerz und Ratlosigkeit. War es eigenes Versäumnis? Hätte man mehr tun, mehr sagen müssen? Und vor allem: Was fehlt den Enkeln, wenn Gott in ihrem Leben keine Rolle spielt?

Solche Fragen greifen jedoch zu kurz, wenn sie auf persönliches Versagen zielen. Der Verlust religiöser Selbstverständlichkeiten ist eingebettet in eine tiefgreifende gesellschaftliche Entwicklung. Säkularisierung – oder nüchterner: Verweltlichung – beschreibt eine Gesellschaft, in der Daseinsvorsorge, Sicherheit und Wahlmöglichkeiten so umfassend geworden sind, dass sich religiöse Bedürfnisse kaum noch aufdrängen. In der „Multioptionsgesellschaft“ scheint alles verfügbar, alles wählbar, alles gestaltbar zu sein. Der Glaube scheint entbehrlich, zeigt er sich doch nicht länger als Antwort auf eine existenzielle Not, sondern nur noch als Option unter vielen. Der Theologe Jan Loffeld bringt es mit einem weiteren Buchtitel auf den Punkt: Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt (Herder, 2024). Der Satz „Glauben bringt mir nichts“ ist weniger Ablehnung als Ausdruck eigener Gleichgültigkeit.

Gerade hier zeigt sich die Grenze aller religiösen Einflussnahme. Glaube lässt sich nicht erzeugen, nicht verordnen. Worte, Appelle und gut gemeinte Ermahnungen erreichen häufig wenig – oder bewirken sogar das Gegenteil. Und doch ist Schweigen keine Lösung. Zwischen Aufdrängen und Verschweigen liegt der Raum des Zeugnisses. Es geht darum, vom eigenen Glauben und dessen Geschichten zu erzählen, wo es möglich ist, und ihn vorzuleben, wo Worte nicht mehr ankommen. Der französische Wüsteneremit Charles de Foucauld (1858–1916) hat diese Haltung eindrücklich beschrieben: durch Güte, Herzlichkeit, Geduld, durch ein Leben, das die Handschrift Christi trägt. Manchmal wird man keinen frommen Satz sagen können – und gerade dann kann das vorgelebte Leben als Zeugnis mehr bedeuten als viele Worte.

Damit aber verschiebt sich die Herausforderung: weg vom Glauben der anderen zurück auf den eigenen – und damit unmittelbar zu Christus selbst. Der (fehlende) Glaube der Kinder und Enkel soll nicht zum Maßstab für die eigene Zuversicht werden. Seinen Anhalt findet der Glaube vielmehr im auferstandenen Christus, dem „Erstling der Entschlafenen“, in dem Gott schon jetzt begonnen hat, die Macht des Todes zu brechen (1. Korinther 15,20–28). Christlicher Glaube stärkt sich als Christusvertrauen; dessen Sieg hängt nicht von unserem Glauben und dessen Weitergabe ab. Wenn Paulus davon spricht, dass am Ende Christus alles dem Vater übergibt und Gott „alles in allem“ sein wird, dann öffnet sich ein Horizont, der weit über unsere familiären Grenzen hinausreicht. Unser Glaube gründet also nicht in dem, was wir sehen oder bewirken, sondern in dem, was Christus schon getan hat und noch vollenden wird. Weil Christus der Anfang und das Ziel ist – Alpha und Omega –, bleibt uns auch da die Hoffnung, wo unser Glaube in der Familie nicht mehr sichtbar geteilt wird.

Wo wir nicht mehr sehen, wie Gottes Güte im Leben der Kinder und Kindeskinder wirksam ist, sind wir zum Gebet herausgefordert. Wer für sie zum dreieinigen Gott betet, überlässt sie nicht sich selbst, sondern vertraut sie der göttlichen Wirklichkeit an, die größer ist als alle menschlichen Möglichkeiten. Und schließlich bleibt eine unscheinbare Form des Glaubens: das Mit-Glauben. „Ich glaube für dich mit“ – dieser Satz erhebt keinen Anspruch, anstelle des anderen zu glauben. Aber er verweist darauf, dass Glaube nicht allein auf sich selbst bezogen ist. Er lebt in Beziehungen, er wird getragen, mitgetragen, manchmal auch stellvertretend gehalten. In einer Zeit, in der der Glaube für viele keine Selbstverständlichkeit mehr ist, kann gerade dieses leise Mittragen eine Form von Treue sein – zu Gott und zu den Menschen, die uns anvertraut sind.

So bleibt die Spannung bestehen: zwischen Verlust und Hoffnung, zwischen Schweigen und Zeugnis, zwischen Ohnmacht und Vertrauen. Doch vielleicht liegt gerade darin eine neue Gestalt unseres Christusglaubens: weniger selbstverständlich, weniger abgesichert, aber bewusster, tiefer – und freier.

Jochen Teuffel

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